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Modellflugverein Reinickendorf e.V.

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Stinson

Bild:Spannweite.png2200 mm  Bild:Laenge.png 2000 mm  Bild:Gewicht.png 5,3kg  Bild:Antrieb.png Kora Top 30-14 Bild:Schraube.png24"  Bild:Akku.png 6s

Stinson

Die 2,2m Stinson war ein ARF-Modell von Jamara. Ja, richtig gelesen, war. Bereits nach kurzer Zeit hat Jamara das Modell wieder aus dem Programm genommen und der Autor ahnt nach einem kurzen, aber bewegten Stinson-Jahr auch, warum. Dazu aber später mehr.

Zunächst gefiel sie durch ihre ungewöhnliche Flügelform und unterschied sich so deutlich von den vielen Chessna‘s, Piper‘s & Co. Ein arbeitsloser Kora Top 30-14 versprach an 6S5000er ausreichend Dampf. Sie war leicht gebaut, wog abflugfertig 5,3kg. Viel war nicht zu tun und so konnte sie wenige Wochen nach Erwerb im Winter 2012 getestet werden. Der Erstflug bei böhigem Wind verlief zufrieden stellend. So gutmütig wie erwartet, war sie aber nicht, das Landen war kipplig. Der Schwerpunkt konnte noch weiter nach vorn (viel ging aber nicht mehr, die Akkus lagen bereits dicht vor dem Motor) und die Querruderwirkung war sehr mäßig, obwohl bereits 100% Ausschlag.


 

 

Ich schob es auf den Wind und versuchte es wenig später bei schönem Wetter und dem ersten Schnee. Kurzer Hand wurden Ski montiert, warum sollte das nicht gehen? Anschließend wurden 4 schöne Flüge gemacht und es stelle sich bereits ein erstes zufriedenes Gefühl ein. Wäre nicht die letzte Landung gewesen: Sie verlief völlig normal, ein Ski setzte etwas früher auf und die Stinson machte bei wenig Fahrt eine 90° Kurve. Als das Modell stand, brach unvermittelt der gesamte Vorbau mit Motor, Akku, und Regler ab. Ich traute meinen Augen nicht, wie konnte das geschehen? Lag es an den -4°C? Es handelt sich aber um einen Holzrumpf! Eine zu harte Landung konnte es auch nicht gewesen sein. Zu Hause, Wunden leckend, entdeckte ich, dass der gesamte Vorbau ausschließlich durch die 1,5mm Balsa-Beplankung gehalten wurde. Rumpfgurte- Fehlanzeige! Es ist ein Wunder, das die Stinson überhaupt geflogen ist. Wenn ich mir überlege, das ich F-Schlepp und Wasserfliegen machen wollte….., der Verlust der gesamten Antriebseinheit wäre die Folge gewesen. Die Rumpfbefestigung der Flächenstreben war ebenso völlig ungenügend ausgeführt.


 

 

Also Glück im Unglück, dass nicht mehr passiert ist? So wurden alle vorderen Spanten verstärkt, 4 Stück 8mm Kohleholme durch alle vorderen Spanten gezimmert und der Rumpf wieder restauriert. Die zerstörte Verglasung (Jamara lieferte auch keine Ersatzteile mehr) musste mittels neuer Tiefziehform erneuert werden. Die Motorhaube war zum Glück ganz geblieben.

Die nächsten Versuche liefen erfolgreich, im Frühjahr riss bei einer Landung die Fahrwerksplatte aus dem Rumpf, vielleicht auch eine Spätfolge des ersten Crashs. F-Schlepp wurde wegen der konstruktiven Schwächen und dem zu geringen „Wohlfühl“-Aspekt hinten angestellt, aber Schwimmer waren bereits geordert. Dazu mußte ein zweiter Fahrwerksbügel laminiert und die Schwimmer gut positioniert werden.


 

 

An einem kalten Frühlingstag ging es alleine zum Baggersee. Eigentlich standen nur Schwimmversuche auf dem Programm. Es stellte sich schnell heraus, dass die Manövrierfähigkeit mit dem einseitigen Wasserruder gut gegeben war, die Stinson gut und sicher aus dem Wasser kam und auf Stufe ging. Was sollte schief gehen? Also wurde bis ans Ende vom See gefahren, gewendet und Vollgas! Sie hob sauber ab, ging in 30° Steigflug und kippte dann unkontrollierbar über die Seite ab. Aus etwa 10m schlug sie senkrecht ins Wasser. Das Adrenalin ließ mich die 8°C Wassertemperatur völlig vergessen – ich musste das Modell retten, ein Ruderkahn gab es nicht. Wieder war der gesamte Vorderbau zertrümmert, diesmal einschließlich der komplexen Motorhaube.

Ein halbes Jahr habe ich gegrübelt, was wohl die Ursache gewesen sein konnte, viele Gespräche mit Wasserflugfreunden wurden geführt. Wir kamen zur Erkenntnis, dass die immer noch schwach wirkenden Querruder und ein durch die Schwimmer neu zu berechnender, veränderter Schwerpunkt die Ursache für den Strömungsabriss gewesen sein könnte. Das gab die Zuversicht, es doch noch einmal zu probieren. Inzwischen waren Rumpf und Schwimmer wieder repariert sowie die Querruder wurden um 60mm verlängert. Ein Restaurator hätte seine Freude an den ca. 100 Einzelteilen der Motorhaube gehabt. Das Steckungsrohr hat mit 12,4mm ist ein sehr krummes Maß, ein 12mm Al-Rohr im GFK Schlauch mit anschließendem Schleifen bringt das saugende Steckungsverhalten. Landflüge wurden im Sommer in grosser Anzahl absolviert. Für außen stehende ergab sie ein wunderschönes Flugbild. Für mich als Pilot war sie inzwischen nicht mehr schwierig zu fliegen, allerdings war sie nicht so unkompliziert, wie ich es bei einer ähnlich grossen Chessna gewöhnt gewesen bin. Die Grösse und das niedrige Gewicht hätten langsamere und gutmütigere Flugeigenschaften erwarten lassen, jedoch fordert die elliptische Flächenform hier ihren Tribut.



Beim Wasserfliegen im Stettiner Haff wollte ich es noch einmal wissen. Bleibeschwerte Schwimmerspitzen sollten den SP auf die sichere Seite legen. Sehr rauhe See ließ mich nicht abschrecken, jedoch kenterte das Modell, die Wellen und der Wind waren dann doch zu viel. Der Empfänger mußte trocken gelegt werden. Am Abend dann bei ruhigerem Wasser endlich der Bilderbuchstart. Vorsichtshalber im langsamen geraden Steigflug wurde die Querruderwirkung getestet. Alles war ok, ich konnte mehrere Runden tief über dem Steg und den Schilfgürtel ziehen. Jedoch nach ca. 5 Minuten setzte der Empfänger aus, das Modell stürzte erneut auf dem Wasser ab. Übermut tut selten gut, diesmal mußte ich mich an die eigene Nase fassen. Offensichtlich war der Empfänger doch nicht ganz trocken gewesen. Inzwischen war ich geübt im Reparieren von Verglasung, Motorhaube und Steckungsrohr.

Die Stinson ist immer noch ein sehr schönes Flugzeug. Aber mein Verhältnis zu ARF ist nachhaltig getrübt. In dem Moment, wenn man mehr als nur Rundflüge machen will, gerät man schnell an die konstruktiven Modellgrenzen. Ob die vorbereitete F-Schlepp-Kupplung jemals zum Einsatz kommt, wird die Zeit zeigen.


Update Herbst 2014 Nach nunmehr 2 Jahren will ich mich hier noch einmal melden, um über die weiteren Erfahrungen zu berichten. Inzwischen ist die Stinson in meinem Hangar „angekommen“. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Viele Land- und Wasserflüge bestätigen nun die sehr guten Flugeigenschaften. Die wesentlichen Umbauten (Verstärkung der Frontsektion, Einbau von durchgehenden Kohlerohren und die Verlängerung der Querruder lassen das notwendige Wohlfühlgefühl aufkommen. Nun kann die Stinson auch bei Wind sicher geflogen werden und sie besitzt die notwendige Robustheit, so dass kleine Fehler verziehen werden. Die knapp 1kg Mehrgewicht für Schwimmer zum Wasserfliegen steckt sie locker weg. Das 6S5000er Setup ist völlig ausreichend für 45° Steigflüge und erst recht für genüssliches Cruisen bis zu 15 Minuten. Insgesamt traue ich der Stinson jetzt auch F-Schlepps für kleinere Segler bis 2kg oder für Banner zu, für größere Segler müßte ein größerer Akku und Motor verwendet werden. Sie ist gutmütig, aber wie das Original will sie geflogen werden. Vergleichbare Pipers & Co. mit Rechteckflächen können noch langsamer geflogen werden. Das Flugbild ist jedoch einmalig, der bullige Rumpf läßt sie noch größer wirken als sie sowieso schon ist. Inzwischen wird die gleiche Stinson beim einschlägigen Hongkong-Versender unverändert angeboten. Wer die Umbauten nicht scheut, erhält einen großen robusten Alltagskönner, der sich optisch deutlich in Szene setzt.